Die Schnellboote der Tiger-Klasse 148

Historie:

Die Bundesmarine plante in den sechziger Jahren zunächst, die in Dienst befindlichen S-Boote der Klasse 140/141 (Jaguar und Seeadler) durch Boote der in Entwicklung befindlichen Klasse 143 zu ersetzten. Es war inzwischen offenkundig, dass diese beiden Bootsklassen, die waffentechnisch weitgehend dem technologischem Stand von 1945 entsprachen, den Erfordernissen nicht mehr gerecht wurden. Als Ersatz für diese Boote waren eigentlich die 143-Albatros Klasse und später die 143A-Gepard Klasse angedacht, aber aufgrund verschiedener Probleme in der Entwicklung und der Realisierung kam es zu einer Verzögerung. Um eine Bootslücke zu vermeiden, war ein Fahrzeug erforderlich, das

  • bei relativ geringen Kosten sofort in Auftrag gegeben und ab 1973 eingeführt werden konnte,
  • keine aufwendigen und zeitraubenden Planungsvorschläge und Erprobungen erforderte und
  • mit modernen und integrierten Waffensystemen ausgerüstet und dem an den Typ 143 gestellten Forderungspaket zumindest weitgehend entsprach.

Als günstige Alternativen boten sich an

Das aus letzterem abgeleitete in der Länge etwas vergrößerte als „La Combattante II“ bezeichnete, mit der neuen französischen „MM-38-Exocet“-SSM, einer 76-mm-OTO-Melara und einer 40-mm-Bofors-L/70 angebotene Stahlboot entsprach form-, antriebs-, und bewaffungsmäßig sehr weitgehend den deutschen Vorstellungen. Prototypen und Funktionsversuche lagen vor, da vier grundsätzlich ähnliche, jedoch mit 35-mm-Rohrwaffen ausgerüstete Fahrzeuge dieses Typs gerade für Griechenland gebaut wurden.

Am 23. Oktober 1970 unterzeichnete der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt und sein französischer Kollege Michel Debré ein Vorprotokoll über den Bau von zwanzig Booten in Frankreich, die in der Bundesmarine die Bezeichnung Typ 148 erhielten. Der endgültige Bauvertrag, bei dem die französische Regierung als Generalunternehmer eintrat, der die Garantie für die volle Funktion aller Einzelanlagen und des Gesamtsystems übernimmt, wurde am 18. Dezember 1970 zwischen dem „Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung“ und der „Direction Technique des Constructions Navales“ unterzeichnet. Das Gesamtauftragsvolumen betrug rund 850 Millionen DM, d.h. je Boot 35 Millionen DM Festpreis zuzüglich 8 Millionen DM für die Flugkörper (43 Millionen DM pro Boot).Beschaffungskosten und Liefertermin waren günstig und konnten seiner Zeit von deutschen Firmen nicht angeboten werden.

Vereinbart wurde unter anderem, dass die ersten zehn Boote generell und komplett bei der C.M.N. in Cherbourg gebaut werden sollten . Die aus dem Wasserflugzeugbau hervorgegangene Firma besaß modernste und gedeckte Fertigungsstätten mit Wendegerüsten, um Überkopfschweißungen zu vermeiden usw. Die Fahrzeuge sollten vollständig ausgerüstet und fahrbereit zu Wasser gelassen werden. Im übrigen sollte die deutsche Industrie in dem Maße beteiligt werden, wie ihre Preise und Liefertermine mit den im Kontrakt vereinbarten Preisen und Lieferterminen übereinstimmten. Tatsächlich wurden die Fernmeldeeinrichtungen, große Teile des Schiffbaustahls, die Antriebsanlagen (M T U), die Diesel-Drehstrom-Generatoren (M W M) usw. von deutschen Firmen geliefert. Die Lürssen-Werft rüstet acht in Frankreich gebaute, mit Frachtern herantransportierte rohe Bootskörper aus (ab "S-46" alle geraden Nummern – die Waffen- und Elektronikausrüstung erhalten auch diese Boote in Frankreich). Gesamtleitung und Überwachung von Ausführung und Lieferung wurden der „Direction Technique des Constructions Navales“ und ihren zahlreichen Unterorganisationen übertragen. Eine am 01. April 1971 in Paris eingerichtete deutsche Verbindungsstelle, die unmittelbar dem Bundesministerium der Verteidigung in Bonn untersteht, wurde alleiniger Vertrags- und Verhandlungspartner des französischen Generalunternehmers. Sie leitete auch die Vorbereitungen für die Schulung und Baubelehrung der Besatzungen, für die Erstellung der Dienstvorschriften, aller für die Versorgungsreife notwendigen Maßnahmen usw. Als Liefertermin für das erste Boot wurde Januar 1973 und für das letzte Dezember 1975 fixiert. Die Boote die im Gegensatz zum bisherigen Brauch der Bundesmarine, jedoch unter Rückgriff auf die Usancen der Kriegsmarine, statt Namen Nummern erhalten sollten, kamen Schlag auf Schlag: Am 27. September 1972 lief „S 41“ in Cherbourg vom Stapel, am 30. Oktober 1972 wurde es in Dienst gestellt, am 04. Juni 1973 traf es erstmals in seiner neuen Heimat, beim 3. Schnellbootgeschwader in Flensburg ein. Zur Jahreswende 1973/74 ging das Boot noch einmal zu einem vertraglich vereinbarten 60-Tage-Check nach Frankreich. In den folgenden Jahren gingen weitere 9 Boote an das 3. Schnellbootgeschwader und weitere zehn Boote an das 5. Schnellbootgeschwader in Neustadt. So konnten schließlich die Boote der Jaguar- und Zobel-Klasse in den wohlverdienten Ruhestand geschickt werden. Die 20 Boote der Typ-Klasse 148 waren in der Schnellbootwaffe der Bundesmarine die einzigen aus Schiffbaustahl (Rumpf) und Aluminium (Aufbauten und Hauptquerschotten) bestehen. Alle Vorgänger sowie die nachfolgenden Typ-Klassen 143 und 143 A sind Holz-/Leichtmetall-Kompositbauten.

 
Technische Daten: ENTER
 
Die Boote:

Callsigns

Name

Kennung

Stapellauf

In Dienst

Außer Dienst

Verbleib

DRBA

S41 Tiger

P-6141

 27.09.1971

 30.10.1972

24.09.1998

 Chile - "Teniente Uribe"

DRBB

S42 Iltis

P-6142

 12.12.1972

 08.01.1973

07.10.1992

 Griechenland - "Ipopliarhos Votsis"

DRBC

S43 Luchs

P-6143

 07.03.1973

 09.04.1973

27.08.1998

 Chile

DRBD

S44 Marder

P-6144

 05.05.1973

 14.06.1973

25.05.1994

 Griechenland - "Plotarhis Vlahavas"

DRBE

S45 Leopard

P-6145

 03.07.1973

 21.08.1973

28.09.2000

 Griechenland

DRBF

S46 Fuchs

P-6146

 21.05.1973

 17.10.1973

16.12.2002

 Ägypten "6. October" *

DRBG

S47 Jaguar

P-6147

 20.09.1973

 13.11.1973

28.09.2000

 Griechenland

DRBH

S48 Löwe

P-6148

 10.09.1973

 09.01.1974

16.12.2002

 Ägypten "21. October" *

DRBI

S49 Wolf

P-6149

 11.01.1974

 26.02.1974

27.03.1997

 Chile - "Guardiamarina Riquelme"

DRBJ

S50 Panther

P-6150

 10.12.1973

 03.05.1974

21.08.2001

 Intersehroh - Jade Stahl

DRBK

S51 Häher

P-6151

 11.06.1974

 26.04.1974

24.06.1994

 Griechenland - "Plotarhis Maridakis"

DRBL

S52 Storch

P-6152

 25.03.1974

 17.07.1974

16.11.1992

 Griechenland - "Antipliarhos Pezopoulos"

DRBM

S53 Pelikan

P-6153

 04.07.1974

 24.09.1974

25.06.1998

 Chile

DRBN

S54 Elster

P-6154

 08.07.1974

 14.11.1974

28.08.1997

 Chile - "Teniente Orella"

DRBO

S55 Alk

P-6155

 15.11.1974

 07.01.1975

13.05.2002

 Ägypten "23. July" *

DRBP

S56 Dommel

P-6156

 30.11.1974

 12.02.1975

16.12.2002

 Ägypten "18. June" *

DRBQ

S57 Weihe

P-6157

 13.02.1975

 03.04.1975

16.12.2002

 Ägypten "25. April" *

DRBR

S58 Pinguin

P-6158

 26.02.1975

 21.05.1975

28.06.2001

Intersehroh - Jade Stahl

DRBS

S59 Reiher

P-6159

 15.05.1975

 24.06.1975

27.09.2002 Intersehroh - Jade Stahl

DRBT

S60 Kranich

P-6160

 26.05.1975

 06.08.1975

24.09.1998

 Chile - "Teniente Serrano"

 

* S 46 Fuchs = 6. October (Tag an dem ägyptische Truppen 1973 die Bar-Lev-Linie auf der Sinai-Halbinsel eingenommen haben)
* S 48 Löwe = 21.October (Tag an dem ägypttische Schnellboote 1968 den israelischen Zerstörer Eilat versenkten)
* S 55 Alk = 23.July (Tag an dem 1952 Präsident Nasser die Revolution initiiert hat)
* S 56 Dommel = 18.June (Tag der Befreiung)
* S 57 Weihe = 25.April (Fristgerechter Rückzug der israelischen Truppen vom Sinai 1982)